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Erfahrungsbericht zum Auslandspraktikum im

Archiv des Leo-Baeck-Institute New York (USA), April bis Juni 2015

gefördert durch die Stiftung der Universität Koblenz-Landau in Koblenz

Die Vorbereitung                                                                                                          

Es war schon immer mein Traum gewesen, eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen und meine Englischkenntnisse aufzufrischen. So kam es, dass ich mich als Masterstudentin (M.Ed. Geschichte/ Germanistik) im Sommer 2013 für verschiedene Praktika im englischsprachigen Ausland bewarb. Über das Internet hatte ich mich vorab über Bibliotheken, Archive und Kultureinrichtungen im englischsprachigen Ausland informiert, mir Adressen und Ansprechpartner herausgesucht. Von Beginn an war für mich klar, dass ich mein Praktikum selbständig organisieren möchte, da ich auf Organisationen wie College-Council (http://www.college-council.de/) oder Travel-Works (https://www.travelworks.de/) weder vertrauen, noch für die Vermittlung eines Praktikumsplatzes im Ausland horrende Summen bezahlen wollte. Ich verfasste ein englischsprachiges Bewerbungsschreiben inklusive Lebenslauf und schickte die beiden Dokumente gemeinsam mit meinen bisherigen Bescheinigungen per E-Mail an die zuvor herausgesuchten Einrichtungen. Ich habe Unmengen von Bewerbungen verschickt, nach Neuseeland, Kanada und in die USA. Anfangs erhielt ich nur Absagen. Doch dann, als ich schon nicht mehr damit rechnete, waren gleich drei Zusagen in meinem Postfach. Die Goethe-Institute in New York und Toronto offerierten mir für das Frühjahr 2015 eine Praktikumsstelle in deren Bibliothek, das Leo-Baeck-Institute (LBI) in New York bot mir einen Platz in dessen Archiv. Ich entschied mich für letzteres, da ich eine Abwechslung zu meinem studentischen Aushilfsjob in der Bibliothek und einen Bezug zu meinem Geschichtsstudium haben wollte.

Um das Praktikum in den USA absolvieren zu können, benötigte ich ein spezielles Visum, das sog. J-1. Die Erlangung des Visums ist mit Abstand die größte Hürde, die es auf dem Weg zum Praktikum zu nehmen gilt, und leider auch mit einigen Kosten verbunden. Das sollte einen aber trotzdem nicht gleich abschrecken. Für die Beantragung des Visums ist das Formular DS-2019 erforderlich. Nur wenige Austauschorganisationen, sog. designierte Sponsoren, sind berechtigt, dieses Formular auszustellen. Ich hatte mir CICD (http://www.cicdgo.com/) mit Sitz in Seattle, WA (USA) ausgesucht und war mit dem Ablauf im Großen und Ganzen zufrieden. Als besonders angenehm habe ich empfunden, dass CICD - im Gegensatz zu vielen anderen Sponsoren - keinen Englischnachweis verlangt, sondern meine Sprachkenntnisse mit einem Skype-Interview überprüft hat. Der Kostenpunkt meines J-1 Visums lag bei umgerechnet rund 1.000 €. Hinzu kamen die Kosten für die Auslandskrankenversicherung, die ich bei MAWISTA (https://www.mawista.com/) abgeschlossen hatte.

Das Praktikum

Von Anfang April bis Ende Juni 2015 absolvierte ich dann mein dreimonatiges außeruniversitäres Praktikum im Archiv des LBI in New York. Meine wöchentliche Arbeitszeit betrug 38 Stunden, die von Montag bis Freitag verteilt waren. Normalerweise wurde zwischen 9-17 Uhr gearbeitet, freitags bis 15 Uhr (aufgrund des Schabbat). Das Praktikum an sich war unentgeltlich, das LBI stellte mir aber eine Monatskarte für die New York Subway zur Verfügung. Zudem wurde ich durch ein Stipendium der Stiftung der Universität Koblenz-Landau (http://www.stiftung-uni-koblenz.de/) in Höhe von 250 € unterstützt, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal recht herzlich bedanken möchte.  Vielen Dank, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, mein Vorhaben zu verwirklichen.

Meine Tätigkeiten im Institut waren sehr vielfältig und es gab immer etwas zu tun; von Botengängen, Rechercheaufgaben und der Unterstützung des Archiv-Personals bei organisatorischen Tätigkeiten über die Beantwortung von Kundenanfragen, dem Ausstellen von Rechnungen und Nutzungserlaubnissen bis hin zu der Bearbeitung des Archivmaterials nach dessen Eingang zur Archivierung und dem Schreiben von Findbucheinträgen (finding aids).

Das LBI (http://www.lbi.org/) nimmt mit seinen umfangreichen Archivbeständen, von denen der Großteil digitalisiert und weltweit für jedermann frei zugänglich ist, einen besonderen Stellenwert in der Erforschung und Bewahrung der deutsch-jüdischen Geschichte ein. Tagtäglich erreichen das Institutsarchiv zahlreiche und vielfältige Anfragen per E-Mail, Telefon oder Fax, die sowohl von Privatpersonen aus aller Welt als auch von Wissenschaftlern und Studierenden kommen. Bei den Fragen, deren eigenständige Beantwortung zu meinen Haupttätigkeiten gehörte, handelte es sich meist um Auskunftswünsche über Sammlungen des LBI New York oder über die Geschichte einer bestimmten jüdischen Familie, aber auch um Archivmaterialien wie Fotos, Briefe, Ausweise etc., von denen hochauflösende Scans oder Kopien benötigt wurden. Der E-Mail-Verkehr erstreckte sich nicht selten über mehrere Wochen, so dass ein reger Austausch mit den Benutzern entstand, den ich sehr genoss. Das Anfertigen von Kopien, Schreiben von Rechnungen und Ausstellen von Nutzungsgenehmigungen fiel ebenfalls in meinen Tätigkeitsbereich. Darüber hinaus durfte ich Findbucheinträge (in englischer Sprache) zu den Archivbeständen verfassen, die nach Fertigstellung digitalisiert und den Benutzern verfügbar gemacht wurden um deren Rechercheablauf zu vereinfachen und zu verkürzen. Außerdem war ich in die täglichen archivischen Arbeitsabläufe integriert: Heraussuchen und Zurückstellen von Magazinbeständen, Sortierung und Umpacken von eingehenden Materialien in spezielle Archivkartonagen (säurefrei, basisch gepuffert, alterungsbeständig) sowie das Planen und Vorbereiten von Ausstellungen.

Absoluter Pluspunkt war das Betriebsklima, das ich von Beginn an als sehr angenehm empfunden habe. Meine Kollegen, und insbesondere mein Supervisor, waren sehr herzlich, unkompliziert und mir gegenüber immer verständnisvoll. Selbst bei mehrmaligem Fragen erhielt ich stets eine freundliche und aufklärende Antwort. Die Tätigkeiten an sich waren abwechslungsreich, so dass ich einen breiten Einblick in die Aufgaben eines Archivars erlangen und viel Neues dazulernen konnte.

Die Unterkunft

Die Suche von Deutschland aus gestaltete sich einfacher als anfangs gedacht. Die größte Herausforderung bestand darin, in der teuersten Stadt der USA eine halbwegs bezahlbare Unterkunft zu finden, die bestenfalls zentral gelegen und in einem sicheren Bezirk war. Ich hatte zunächst auf der Internetseite http://www.websterapartments.org/ nach einem Zimmer gesucht. Das Webster Apartment bietet Unterkunftsmöglichkeiten ausschließlich für Frauen, die sich wegen eines Praktikums oder Jobs für ein paar Wochen oder Monate in New York aufhalten. Ein Zimmer kostet derzeit zwischen 335 $ und 360 $ pro Woche – Frühstück und Abendessen inklusive. Da dort kein Zimmer mehr frei war, habe ich in den Inseraten der Übernachtungsplattform Airbnb (https://www.airbnb.de/) nach einem WG-Zimmer gesucht und bin nach kurzer Zeit fündig geworden. Während meines Praktikums wohnte ich in Riverdale (Bronx), in einer sehr schönen, ruhigen und sicheren Gegend. Meine monatliche Miete betrug 900 $, was für New Yorker Verhältnisse recht günstig ist. Ich hatte ein großes, helles Zimmer mit einem komfortablen Bett, und eine direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Mit der Metro waren es etwa 45 Minuten nach Downtown Manhattan. Das Bus- und U-Bahn-System in New York ist sehr gut vernetzt, so dass man problemlos überall hinkommt – aufgrund der großen Entfernungen allerdings nicht immer schnell.

Leben und Freizeit

Mein Alltag in der Millionenmetropole war sehr von der sympathischen „Easy-Going“-Mentalität der Amerikaner und dem American Way of Life geprägt. Ob man will oder nicht, der färbt ab… Die Stadt selbst ist faszinierend, multikulturell, hektisch und laut, denn es ist die Stadt, die niemals schläft. Dementsprechend riesig ist das Angebot an Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten. Gerade in den Sommermonaten gibt es viele Attraktionen, die kostenlos sind, so z.B. „Free Shakespeare in the Park“ oder „Free Kayaking on the Hudson“. 

Um in New York allerdings ein gewohntes, abwechslungsreiches Leben zu führen,  und sei es auch nur für ein paar Monate, bedarf es einem kleinen Häuflein Gold. Dabei geht das meiste Geld gar nicht einmal für das schillernde Nachtleben, sondern für Miete und Lebenshaltungskosten drauf, die in New York um einiges höher liegen als in Deutschland. Meine monatlichen Ausgaben lagen bei rund 600 $ (zzgl. Miete). Nichtsdestotrotz ist New York eine atemberaubende, wunderschöne Stadt, so bunt und vielfältig und verrückt. Ich habe noch nie zuvor so viele offene, freundliche Menschen getroffen wie dort. Für mich war es am schönsten die Sehenswürdigkeiten und Stadtteile, die mich am meisten interessiert haben, bei Tag und bei Nacht zu erkunden. Viele Gebäude und Plätze entfalten in der Abenddämmerung ein ganz besonderes Flair. Mein allererster Spaziergang über die Brooklyn Bridge mit Blick auf Manhattans eindrucksvolle Skyline bleibt unvergessen.

Persönliches Fazit

„If you can make it there, you can make it anywhere“, besang einst Frank Sinatra die Stadt. Und in der Tat, mein dreimonatiges Praktikum im LBI New York war wohl mit Abstand die interessanteste, lehrreichste und ereignisreichste Zeit meines bisherigen Lebens. Ich konnte meine Sprachkenntnisse vertiefen, interkulturelle Kompetenzen erwerben und neue Freundschaften knüpfen. Insgesamt durfte ich viele neue Erfahrungen sammeln, die mich als Person nochmals geformt und geprägt und sicherlich auch ein wenig selbstsicherer gemacht haben. Im Nachhinein kann ich sagen, dass sich der Aufwand, den Auslandsaufenthalt zu organisieren, mehr als gelohnt hat. Ich kann nur jedem empfehlen, diesen Schritt zu machen – es ist ein unvergessliches Erlebnis!

 Verena Blatt